Todessehnsucht

Alle sterben. Alle Menschen um mich herum gehen. Einmal oder zweimal bin auch ich gegangen, weit raus in den Wald. Der Wald. Ich werde ihn nie vergessen. Zugleich weiss ich, dass ich mit dem Wald abschließen muss. Als Kind haben mich meine Eltern mitgenommen in den Wald, dabei waren unsere Nachbarn, sie kamen aus Polen. Sie kannten sich gut mit Pilzen aus, gerade den Fliegenpilz fand ich faszinierend. Mit elf Jahren war der Druck in der Schule, dass heißt auf dem katholisch-privatem Gymnasium so groß, dass ich nicht mehr konnte.

Wir fuhren mit den Freunden gemeinsam Fahrrad. Thomas war dabei, ein Junge türkischer Abstammung. „Ich bin froh keinen behinderten Vater zu haben so wie du“. Ich sprang von meinem Fahrrad auf ihn, der auch auf dem Fahrrad fuhr und wir landeten auf dem Boden. Es war an einem Hügel, ich erinnere mich noch genau. Mein Vater ist nicht behindert. Er kann nur nicht gut gehen, aber es belastete uns drei Brüder. Wir wollten ihm stets helfen, helfen helfen. Das Helfersyndrom haben wir von meiner Mutter geerbt. „Wenn du so etwas noch einmal sagst bring ich dich um“ Ich lehnte über Thomas. Ich drückte meine Beine auf seine Arme. Er war wehrlos. „Ich habe auch mein Taschenmesser dabei und kann dich umbringen“. Ja so war ich mit elf Jahren. Was Thomas nicht wusste war, dass ich es gar nicht dabei hatte. Ich schlug ihn nicht. Ich ging herunter und wir fuhren weiter Fahrrad. Er weinte. Er nannte mich daraufhin ein Arschloch. Ich fuhr schneller einfach weiter, mit Kraft trat ich in die Pedale. Tränen.

Vielleicht deswegen, wegen meiner rabiaten Art, fanden später die Hauptschüler gefallen an mir. Sei es Tabak, oder andere Rauchwaren zu besorgen, war ich im Dorf derjenige den man ansprach. Ein Bruder von mir war auf der Hauptschule, der Zweit auf Real. Mich jagte man irgendwann vom Gymnasium, ich wollte einfach nicht lernen.

Ich wollte Mädchen und Partys und mit meinem Rucksack voller Bier durch Mettingen laufen.

Irgendwann kam alles in meine Taschen. Sei es ein geklautes Handy, dass ich kaufte, sei es ein Brösel Gras, welchen ich bei meinen Brüdern vorfand. Ich möchte der Jugend heute klarmachen nicht den Weg zu gehen, den ich gewählt hatte. Ich war wohl immer der Kaufmann gewesen. Nicht zuletzt in dieser Zeit warf die Mafia ein Auge auf mich.

Die Gangster mit denen ich abhängte wurden heftiger. Irgendwann war ein aufgeklapptes Butterfly kein Thema mehr, irgenwann war es kein Graß mehr, irgendwann lag der weiße Teufel auf meinem Papier. Den braunen Teufel habe ich einmal geraucht. Ein Freund von mir, ein Scheidungskind, war am Abend der Kirmes so schlecht drauf, sein Vater hatte Darmkrebs, das wurde ihm an dem Tag gesagt. Er hat es gedrückt. Er hat wirklich das Dreckszeug gedrückt. Aber er wurde nicht süchtig. Sonderbarerweise.

Irgendwann musste ich erwachsen werden. Ich hatte die Wahl gehabt. Entweder du wirst härter und die Schusswaffe ist kein Thema mehr, und auch das blutige Butterfly nicht mehr oder du gehst arbeiten. Was sollte ich tun?

Die Polizei, die Ärzte und die Pädagogen hatten mich längst aufgegeben. Man besorgte mir einen Platz für schwer erziehbare Jugendliche mit Auffälligkeiten und ich bemerkte wie tief das Wasser sein konnte auf dem ich schwamm. Abends die Tabletten, die mich müde machten, so verbrachte ich ein halbes Jahr im Bett. Nichts als Zigaretten waren angesagt und unten die Drogen. Immer wieder Zeug. Meine Brüder und ich steckten schon viel zu tief drin, aber ich war der Sensibelste von uns Dreien. Ich konnte nicht Menschen abziehen, prügeln und bluten ohne dass es mir zu nahe ging. So ging ich mit 18 Jahren in den Wald um niemals lebend wieder auszutreten. Heute nennen sie es postpubertäre Sinnkrise und ihr müsst wissen, es war es wirklich.

Zuhause die Schreierei meiner Eltern.

Meine Mutter ging nun schon 7 Jahre fremd, etwa seit der Zeit als ich auf Thomas sprang. Die Mädchen kamen irgendwann am laufenden Bande auf mich zu. Es wurden immer Ältere. Meine böse Ader und meine Herkunft zog sie magisch an.

Aber, die die ich wollte, wollten mich nur fürs Bett. Und die die mich liebten waren mir einfach zu jung. Ich weiß heute nicht mehr in wie viele meiner Pädagoginnen, Sozialarbeiterinnen und Ärztinnen ich mich damals verknallt hatte. Sie hatten eins gemeinsam, sie wollten mir helfen.

Die alleinerziehenden Mütter nervten mich irgendwann. Sie wollten einen Papa der ich nicht war und auch noch nicht sein konnte. Irgendwann wollte ich auch nur Sex und zog weit, weit weg aus dem Dorf. Es hat mir gut getan. Sei es nun die Tänzerin dich ich küsste, sei es die Psychologin, die ich leidenschaftlich liebte, es war die Großstadt die mich erwachsen gemacht hat.

Ich war jetzt Kaufmann. Nein das stimmt gar nicht. Ich war jetzt Kaufmann für Speditions- und Logistikdienstleistung und hattte meine Ausbildung mit Auszeichnung abgeschlossen. Nun kaufte und verkaufte ich ehrlich und verdiente schnell kleine Summen.

Ich habe irgendwann einfach überall gearbeitet, weil es mir so gefiel neue Menschen kennen zu lernen. So arbeitete ich im Restaurant, in einem Cateringunternehmen, half bei Umzügen aus oder bewachte den Kiosk. In Münster bekam ich oft auf die Fresse als ich hierher zog. Hier war ich nun der kleine Mann, der versuchte sein Abitur nachzumachen. Hier regierten andere Gangster und ich wollte einfach keiner mehr sein. Bei einem guten Deal kann ich heute kaum nein sagen, aber ich informiere mich darüber was ich kaufe. Alles im Rahmen der Legalität versteht sich. Sehnsucht nach dem Tod habe ich nicht mehr. Ich war im Jenseits und kann euch sagen, dass da einfach gar nichts ist. Kein Himmel und Keine Hölle. Kein großes Tamtam oder jüngstes Gericht, einfach nur nichts. Aber als ich im Krankenhaus aufwachte hörte ich ein Mädchen zu mir sprechen. Ich konnte mich nicht bewegen und war gefesselt. Mein Bruder hatte sich eine Tüte, eine Dicke auf der Hand ausgedrückt, um endlich aufzuhören. Er hatte mich zu beschützen versucht. Heute raucht keiner von uns mehr den grünen Teufel. Wir sind frei