Der Tag an dem die Erde unterging

Damals war ich in meiner Küche und starrte Löcher in die Wände und in meinen versifften kleinen Backofen, der auf einer Schrankkante stand. Ich war mal wieder dabei den Verstand zu verlieren. Die letzte dicke Tüte lag nicht lange zurück und kostete mich wieder meinen alten manchmal doch gemochten Hang zur Realität.

Als ich nach links auf den kaputten Backofen schaute, den ich von meiner Vormieterin Fräulein Tannenberg kaufte, passierte etwas Sonderbares. Als ich mich auf die Wohnung bewarb, in dieser verfluchten Stadt, in der es mehr Studenten als Pflastersteine gibt, hatte ich Quartier gesucht und fand eine Wohnung vor, die Frau Tannenberg durch eine ungewöhnliche Methode gelblich eingefärbt hatte. In jedem Zimmer fand sich mindestens ein dicker Aschenbecher, prall gefüllt mit besten Kippenstummeln die logistisch durch runterpressen immer weiter komprimiert wurden. Als gelernter Spediteur nannte ich das eine Meisterleistung der Lagermeternutzung. Fräulein Tannenberg bewahrte also in jedem der kleinen Zweizimmerküchebadaschenbecherwohung einen bis vier dieser prallgefüllten Prachtexemplare auf. Als ihre Leiche, nachdem man sich mich den Laubbläsern der örtlichen Ein-Euro-Fünfzig-Jobber-Laubbläserfraktion, durch die Rauchschwaden gekämpft hatte, wurde die Vermieterin damit beauftragt den gesamt Hausrat möglichst gewinnbringend zu verhökern. Die Multimillionärin verscherbelte mir alles für zweihundert Mücken, die ich hart von meiner Mama geschenkt bekommen hatte. Ich blickte also auf den Herd mit dem großen Backofen, der allerdings kaputt war. Meiner Vermutung nach mussten Teerablagerungen den Stromfluss zwischen Anode und Kathode verkleben, jedenfalls liefen noch die Herdplatten.

Es war das Jahr der lieben Maja. Deren Kalender war wohl ausgelaufen. Da sie inzwischen seit 500 Jahren ausgerottet waren konnten sie auch keinen neuen mehr kaufen. Im Kino hatte ich mich auf das Problem vorbereitet, also würde gegen Dezember ein Vulkan ausbrechen, der die Erde mit Lava überfluten würde, bis keiner mehr Luft holen konnte. Nun denn mir blieben ja noch ein paar Monate um etwas gegen diese Problematik auszutüfteln.

Ich vernahm immer mehr sonderbare Stimmen in dieser Zeit. Zum Beispiel die meines Onkels Winfried, der sich mit meinem Vater über das Grab von Graf Käsesocke unterhielt. Dabei schien es sich meiner Phantasie, der ich nun vollkommen verfallen war, nach um ein Buch mit Rätselversen, welche immer wieder zu einer anderen Seite und einem anderen Rätselvers führten, bis man schließlich endlich den Schatz von Graf Käsesocke finden würde.

Ich hatte im Bayrischem Wald nach dem leeren ein Paarer Maß Bräu im Wald einen Ovalen kleinen Stein gefunden, den ich ich mehr und mehr unter mein Feuerzeug hielt, mit welchem ich mir zu dieser Zeiten täglich gefühlte 40 Zigaretten angezündet hatte, auch waren dabei die ein oder andere dickere Zigarette mit marokkanischer Füllung gewesen, ein Fehler. Jedenfalls bewahrte ich diesen Stein stundenlang in kochendem Wasser auf, ging irgendwann zu Backofen und Flamme über um den Stein eine höheren Temperatur auszusetzen. Ich war noch immer auf der Suche nach dem Grab von Graf Käsesocke, welches ich in meiner Wohnung vorhanden gedachte. Nun ja weder ein Buch noch ein Altägyptischer Pharao namens Graf Käsesocke hat jemals existiert, doch die Gespräche zwischen meinem Onkel Rudolf und meinem Vater Franz waren nun mal da. Ich fand das damals furchtbar spannend, sprang Kung-Fu kämpfend durch meine Wohnung und forderte rein geistlich den Erfinder des Karate zu einem Duell auf, dass ich natürlich gewann und somit den weißen Orden errang. Gut das lief schon mal, doch wo war nun das Grab des Käsesocke?

Ich bemerkte zudem dass ein bösartiger Dao-Gin, der die Nachbarn quälte und eine Schlange in unseren Garten einlud, sein Unwesen in meiner Wohnung trieb. Er war aus einem alten Hexenkessel geflüchtet, den ich in meiner letzten Wohngemeinschaft, der sogenannten Schimmel WG, gefunden hatte. Diese WG bestand aus Schimmel und Wänden, die jedoch mehr Schimmel als Wände waren. Schimmelwände, denn dieser befand sich auch unter meinem Teppichboden, welcher durch den Kater Rilke getränkt von Katzenpisse gewesen war. Ich konnte wenigstens Salusa den Dao bergen, der ging mir aber gewaltig auf die Nerven. Er war ein böser Dao aus Calimschan, so sagte er mir, unwissend welchen Preis dieser Kampf gegen das Geistwesen noch von mir rauben sollte.

Nachmittags war ich bei einem dieser neuen Bauernläden gewesen, die im Moment ja wie Pilze aus dem Boden zu kommen scheinen. Vollmondkäse Neunzehneuro zwanzig das Kilogramm. Vollmondkäse? Neunzehneurozwanzig? Irgendwas lief hier schief. Als ich den Laden betrat um die Regale leerzuklauen, wurde ich direkt durch die Anwesenheit einer Verkäuferin enttäuscht. Toll, extra den weiten Weg hierher gekommen und nun sowas, dabei hatte ich bei diesem Esoterikbauernhof doch schließlich darauf gehofft, dass die Besitzer einfach an das Gute im Menschen appelieren. Ich erhoffte mir eine ungesicherte Kasse, Regale voll von Biohonig und dicksten Rindswürsten, stattdessen erblickte ich nun den Vollmondkäse. Auch die Gut und Günstig Butter, welche im örtlichen Aldi 70 Cent billiger war, löste in mir den Verdacht auf dass unsere Esos vom Hof hier einfach nur Kasse machen wollten. Der Vollmondkäse sah dem jungen Gouda aus dem Billigsupermarkt zum verwechseln ähnlich, hier kostete er nur das fünffache.

Mit leerem Rucksack betrat ich also Lidl und kaufte mir als Ausgleich 750 Grammies Chilli Hänchenschenkel von einer Billigmarke. Die Hänchen mussten ein verdammtes Scheißleben gehabt haben, bei dem günstigen Preis den mir der Lild machte. Ich esse am liebste Fleisch von gequältem Vieh, weil das so günstig ist. Dazu eine große Packung Blaubeeren für 99 Cent, die extra aus Peru um die halbe Welt angeschippert wurden. Mein Lebensziel war es schon immer den größten CO²biologischen Fußabdruck in der Geschichte der Klimaerwärmung zu hinterlassen

Natürlich ging ich nicht ohne eine Schachte Templeton Zigaretten. Wenn schon billig einkaufen, dann doch bitte ganz.

Zuhause wurde mir klar dass es Zeit für mein Freitagskongfu war. Nun die Leser müssen wissen, dass ich Kong-Fu-Meister bin und eine Gruppe namens Freitagskongfu seit ungefähr 2 Jahren geleitet habe. Leider hat die Gruppe nur Mitglieder die nie kommen, was nicht zuletzt daran gelegen haben kann, dass es sich um telepathische Gruppeneinladungen gehandelt hatte. Ich sprang wieder einmal wie wild durch meine Wohnung und machte meine Klaue, den Schneeleoparden. Plötzlich forderte mich ein Geist zu einem Duell heraus, dass ich natürlich nach wenigen Minuten Kampfeszeit gewann.

Die Hänchenkeulen waren fertig, ich verspeiste sie zusammen mit den peruanischen Blaubeeren und aß danach einen ganzes Kilogramm Sahnepudding. Der Stuhl der am nächsten morgen mein Rektum verließ wäre, hätte ich einen Fotoapperat zur Hand gehabt, direkt ins Guinessbuch der Rekorde eingegangen.

Anders verhielt es sich mit meinem Stuhlgang an anderen Tagen. Als ich neulich bei Quarks und Co eine Folge über „den Mythos des normalen Stuhlgangs“ sah wurde mir klar, dass ich möglicherweise gar kein Problem hatte. Ich hatte bedingt durch den Dünnschiss sämtliche Strapazen eines gesunden Lebens auf mich genommen. Ich ernährte mich inzwischen größtenteils Basisch, hatte es mit Rohkost und Veganismus versucht. Eine Natron Diät über Wochen, gar Monate hatte ich hinter mir, bishin zu Doktor Probst Schwefelkur, die den Schiss nur noch schlimmer stinken ließ hatte ich fast alles unternommen. Ich war sogar zu einem Schamanen für eine Rückführung gegangen. Dieser hatte mir offenbart, dass ich in einer fernen Inkarnation zu Zeiten des 100 Jährigen Krieges, einen Tod durch Bauerntrunk erlitten hatte. Wer den Bauerntrunk nicht kennt, dem sei es hiermit erklärt. Unsere netten lieben Vorfahren aus den „good old Times“ hatten speziell zu diesen Zeiten als Raubritter Bauern überfallen und sie genötigt so lange Gülle zu trinken bis sie erstickten. Als ich das hörte, war ich nun doch froh endlich im Jahr 2012 angekommen zu sein. Dem Jahr in dem mal wieder die Welt untergehen sollte.

Man muss sagen, dass diese Jahre vor dem lang erwarteten Gesundheits-und Fitnesstrend, der auch möglichst wenig CO² produziert, passierten. Es ging mir damals wirklich nur um meinen Stuhlgang, denn um den nachfolgenden Generationen das Verhalten meines Geschlechts zu dieser Zeit in Bezug auf die drohende Klimakatastrophe zu erklären, welche jetzt in aller Munde ist: Wir haben darüber schlichtweg nicht nachgedacht. Ich meine ich hatte das Thema globale Erwärmung irgendwann mal in der Schule und dachte damals, nunja ist ja noch 30-50 Jahre hin ehe was passiert. Mittlerweile sind es leider nur noch 10-30 Jahre und meine These das die derzeitige Welt einfach alles Benzin und Erdöl solange verheizen würde bis es schlichtweg zu teuer war bestätigte sich mehr und mehr, unbeachtet der Tatsache dass ich ohne arrogant wirken zu wollen der intelligenteste Mensch aller Zeiten bin, intelligenter als alle Forscher aller Universitäten, alle Philosophen und aller Intelligenten zusammen mal 100 plus Tausend. Ja es ging mir wirklich gut damals. Leider sind wir Genies meist zu lebenslanger Armut verdammt, von Krankheiten wie der obigen geplagt und stets auf der verzweifelten Suche nach unserem Verstand. Bald würde man mich wieder freiwillig, oder wie auch immer sie das nannten einsperren.

Das wahrlich komische dabei ist, dass ich das nie als schlimm empfunden habe. Dort gab es alles was das Herz begehrte, Essen, verrückte Weiber, Suff und sogar Gras wenn man die richtigen Leute kannte. Jeden Tag konnte man tolle Gespräche über die Einnahme der Beruhigungsmittel führen und solange man ruhig blieb führte man sogar dort ein recht ruhiges Leben. Einmal in der Woche brachte sogar ein Priester eine Stange Rancho schwarz mit. Bist heute hatte mich diese Tatsache doch an etwas positives in der katholischen Kirche glauben lassen. Alles was man zudem tun musste um nicht in die Hölle zu kommen war, dem Priester seine Messe aufzusuchen und ein bisschen mitzusingen. Man konnte sogar rauchen! Im Fernsehzimmer! So lebten wir wie die Könige, Nachts der gute Kaffee, der hervorragend schmeckt wenn er verboten ist. Tagsüber die derben Beruhigungsmittel und die überarbeiteten Ärzte. Wir mussten nichts machen, nur Essen, mal eine Neurocil und eine Tavor zur Beruhigung dort, wenn wir schlechte Laune hatten gab es ein Antidepressiva. Arbeit war uns ein Dorn im Auge. Bis auf diejenigen die man aus Gründen der Gesundung zur Arbeit zwang. Tja der Laden war niemals das Problem, sondern dass was die Welt aus diesem Laden gemacht hatte. Hin und wieder sehe ich den Laden in einem Hollywood Film mit leeren Zimmern und Matrazen an denen Seile sind. Was war das denn? Kann sein dass das ein Laden war, aber es war doch nicht der Laden den ich kenne? Im Laden waren wir wie die Mäuse am Speck, im Nachhinein betrachtet als jemand der versucht das objektiv zu sehen, hatte das ganze wirklich viel Ähnlichkeit mit Viehhaltung. Fressen, Drogen, Beruhigungsmittel, viel Schlaf, dick werden. Aber irgendwie half der Laden, wobei es jedes mal bestritten wurde, wussten doch alle, irgendwie half er.

Ich erinnere mich an Mario Cannabio, den besten Patienten aller Zeiten. Er wurde als Zwangseinweisung eingewiesen und war schwer krank. Er kam auf die Station und verlangte des Priesters Tabak. Rauchte drei Zigaretten nacheinander. Seine gelbschatten an den Raucherfingern reichten bis zum Gelenkhügel. So forderte er die Pfleger auf ihm eine Flasche Korn zu servieren. Dies sei auf der geschützten Station verboten, sagte man ihm. Danach wurde Mario Cannabio zum essen gerufen. Ich sahs zwei Tische hinter ihm und viel vom Glauben ab. Aus hygienischen Gründen wird in der Psychiatrie die Butter in kleinen 2 mal 3 Zentimeter großen Plastikschalen serviert, statt dem Stücke, ebenso die Marmelade der Honig und die Leberwurst. Mario nahm fünf Klötze Butter auf ein halbes Weizenbrötchen, darauf legte er 8 Klötze Nuspli, dem 4 Packungen Honig folgten. Diese Brötchenhälfte muss mehrere Pfund gewogen haben. Der Patient verschlang sie mit dem Appetit eines ausgehungerten Riesenkillerwals. Danach waren die Haferflocken mit Milch dran. Mario Cannabio verschlang die ganze Packung. Ich bemerkte es verzweifelt vor der leeren Dose stehend und schaute wütend auf Cannabio. Eine Schwester mit gigantischen Brüsten, eine 9,14 von 10, fragte den weit über 60 Jährigen ob er noch etwas Essen möchte. Mario forderte ein Stück Schwarzwälder Kirschtorte. Die Dame erklärte ihm, dass diese hier nicht gäbe. Cannabio, der Dreiste, forderte sie auf in der Küche einen Torte innerhalb von 20 Minuten backen zu lassen. Sie solle mindestens vier Stock haben, und bitte nur mit echtem Kirschwasser von Schwarze & Schlichte, hergestellt werden. Sie erklärte ihm während ihr gebärfreudiges Becken sich in meine Richtung drehte, dass die Stationsküche nur dazu da sei das Essen aufzuteilen und in Kühlschranke zu legen, man dort aber keine vier-stöckigen Schwarzwälder Kirschtorten backe. Daraufhin schnorrte Cannabio einen Priestertabakbeutel samt Blättchen. Ging hohen Hauptes ins Raucherzimmer und nahm ohne zu fragen mein Feuerzeug. Ich biss die Lippen zusammen und beschloss auf meinem Zimmer wieder ein paar Kung-Fu Übungen zu machen. Ob jemand Zigarren habe, frage Mario? Niemand antwortete

Er schiss eine Wurst aufs Klosett ohne abzuspülen, machte danach den Kaiser. Das heißt er zog die Hose hoch ohne ein Papier zu benutzen. Er spülte nicht ab. Er pisste aufs Klo, aber nicht mit erhobener Brille ins Wasser, sondern überall hin aber nur nicht auf die Toilette. Wegen Mario Cannabio war jeden Morgen als die Putzfrauen einrückten die Herrentoilette gesperrt.

Bei jeder Schwarzwälderkirschtorte, die ich backe muss ich Jahrzehnte späte noch an ihn Denken.

Nach einiger Zeit ließ man mich dann doch wieder in meine alte Wohnung an der Grevener Straße. Ich schaute nüchtern auf das Chaos, dass ich hier veranstaltet habe. Die ganze Wohnung sah Schlimmer aus als bei Hempels unterm Sofa. Der Großteil meines Mobiliars befand sich bereits im Keller. Man wollte mich in dieser Straße loswerden und es freut mich doch heute noch sehr an den Gerichtsprozess mit meiner Vermieterin zu denken. Sie hatte eine kalte Räumung vollzogen. Ich hatte während meiner Zeit in der Psychose verschiedene Pflanzen und Blumen gesammelt, unter anderem einen roten Mohn vom Felde, und eine Teufelskralle. Ich hatte den Blumenkasten sogar mit Korn bepflanzt. Als dank für meine Miete hatte meine Vermieterin die Erde aus dem Fenster in den Garten geworfen. Es war das Jahr 2012 gewesen ein warmer ruhiger Sommer. Es war ein Tag gewesen wie jeder Andere. Es war ein Tag an dem die Erde unterging. Ich sahnte vor Gericht fett ab.

Was war nun die Realität dieser Zeit? War ich wahnsinnig weil ich Dinge wahrnahm, die Andere nicht sehen konnten? War Cannabio ein schlechter Kerl?

Ich weiß noch über Cannabio dass er ein furchtbar netter Mann gewesen ist. Er schnorrte, wenn er nichts mehr hatte, aber reichte gerne den Priestertabak weiter. Waren wir schlechte Menschen, weil wir rauchten? Was war die Realität? Der Tabak gibt Menschen wie uns Halt. Wir sind nicht in der Lage uns an der Realität zu halten, deshalb halten wir uns an Tabak. Der Laden ist jetzt ein modernes Zentrum. Cannabio habe ich seitdem nicht mehr wieder gesehen, ich glaube nicht dass Sie ihn jemals wieder haben laufen lassen.

Ich vermisse ihn.